
Viele Tierhalter sind überrascht, wenn sie feststellen, dass ihr Hund oder ihre Katze übergewichtig ist. Der häufigste Grund dafür ist die emotionale Wahrnehmung: Wenn wir unseren Begleiter mit wohlwollenden Augen betrachten, können wir die überflüssigen Kilos nicht erkennen. Übergewicht ist jedoch keine Frage der Ästhetik, sondern beeinträchtigt Gelenke, Herz, Stoffwechsel und sogar die Lebenserwartung. Eine frühzeitige Erkennung ist der erste Schritt zu einem längeren und glücklicheren Leben.
Viele Besitzer verwechseln „kräftig” mit „gesund”. Tatsächlich kann das mehrmalige tägliche Füttern kleiner Leckerlis laut einer Studie der Universität Liverpool dem Verzehr von zwei zusätzlichen Hamburgern pro Tag entsprechen. Und diese „unsichtbaren” Kalorien sind am gefährlichsten, da sie sich ansammeln, ohne dass sich die Hauptmahlzeit wesentlich ändert.
Das Idealgewicht eines Tieres hängt nicht davon ab, was „normal” erscheint, sondern von objektiven Parametern. In Europa sind viele Hunde und Katzen übergewichtig, was die kollektive Wahrnehmung verzerrt. Es handelt sich um einen sozialen optischen Effekt: So wie eine Person mit einem gesunden Gewicht in einem Land mit hoher Fettleibigkeitsrate als „dünn” erscheinen kann, kann ein Hund oder eine Katze mit normalem Gewicht im Vergleich zu anderen übergewichtigen Tieren als „dünn” erscheinen. In den Vereinigten Staaten beispielsweise liegt der Durchschnitt der Fettleibigkeit bei Erwachsenen bei über 40 %, während er in Europa bei etwa 20 % liegt. Das Gleiche gilt für die Tierwelt: Was üblich ist, ist nicht immer gesund.
Ein übergewichtiges Haustier verliert in der Regel an Körperdefinition. Die Taille verschwindet, der Bauch hängt herunter und die Konturen werden rund. Bei Katzen ist die Fettansammlung an der Schwanzwurzel und unter dem Bauch sehr auffällig. Bei Hunden sieht die Silhouette von oben betrachtet nicht mehr wie eine „Sanduhr” aus.
Das Fell kann täuschen, daher ist es ratsam, das Tier bei gutem Licht und aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Wenn Sie von oben betrachtet keine leichte Wölbung zur Taille hin sehen, liegt wahrscheinlich ein Fettüberschuss vor. Bei Besitzern von langhaarigen Tieren kann die visuelle Wahrnehmung um bis zu 60 % fehlschlagen. Ein einfacher Sommerhaarschnitt kann eine ganz andere Silhouette offenbaren.
🐾 Wussten Sie das?
Eine Studie der Vereinigung zur Prävention von Fettleibigkeit bei Haustieren (APOP) ergab, dass mehr als 59 % der Hunde und 61 % der Katzen in Haushalten über ihrem Idealgewicht liegen. Das Überraschende daran ist, dass die meisten Besitzer glauben, ihr Haustier habe ein normales Gewicht. In der Veterinärmedizin nennen wir das „Blindheit aus Liebe”: Wenn die Liebe dich daran hindert, die zusätzlichen Kilos zu sehen, die das Leben deines Haustieres um bis zu zwei Jahre verkürzen können.
Berühren heißt diagnostizieren. Legen Sie Ihre Handfläche auf die Seite Ihres Haustieres und streichen Sie sanft mit den Fingern darüber. Wenn Sie die Rippen ohne Druck ertasten können, ist sein Körperzustand gut. Wenn Sie Ihre Finger eindrücken müssen, um sie zu fühlen, hat sich Fett angesammelt. Sind die Rippen hingegen zu ausgeprägt oder stehen hervor, kann Ihr Tier untergewichtig sein.
Diese Methode, bekannt als „Rippentest”, ist einfach, schnell und bei Hunden und Katzen jeden Alters anwendbar. Es wird empfohlen, sie jeden Monat zusammen mit einer allgemeinen Sichtprüfung durchzuführen. Tasten Sie die Rippen so ab, wie Sie den Handrücken abtasten würden: Sie sollten sie wie die Knöchel unter einer dünnen Haut spüren. Wenn sie sich wie der flache Handrücken anfühlen, liegt ein Fettüberschuss vor.
Das moderne Konzept der Fettleibigkeit bei Tieren gab es nicht immer. Vor den 1980er Jahren haben Tierärzte das Gewicht kaum in den Krankenakten vermerkt. Es war Dr. Mark Peterson, ein US-amerikanischer Tierendokrinologe, der beobachtete, dass Tiere mit überschüssigem Fett ähnliche hormonelle Veränderungen wie Menschen aufwiesen. Seitdem gilt Fettleibigkeit offiziell als chronische multifaktorielle Erkrankung und nicht nur als „ästhetisches Problem”.
Die erste Tabelle zur Körperkondition von Haustieren wurde 1997 von Purina veröffentlicht. Seitdem haben Verbände wie die WSAVA und die AVMA sie für verschiedene Rassen, Größen und Arten verfeinert. Heute ist ihre Verwendung in Kliniken auf der ganzen Welt Standard. In der tierärztlichen Praxis verwenden wir eine Körperkonditionsskala von 1 bis 9, um den Zustand des Tieres objektiv zu beurteilen.
Die Bewertung kombiniert visuelle Beobachtung und Abtasten. Zu Hause kann sich der Tierhalter an visuellen Leitfäden wie denen der WSAVA oder des Purina Institute orientieren, immer unter tierärztlicher Aufsicht.
Eine jährliche Untersuchung mit Körperbewertung ist genauso wichtig wie Impfungen. Die Feststellung einer Gewichtszunahme von 10 % kann den Unterschied zwischen Prävention und Behandlung ausmachen.
Fettleibigkeit wird nicht nur anhand des Gewichts diagnostiziert, sondern anhand des Verhältnisses zwischen Fettmasse und Muskelmasse. Ein Tier kann laut Waage sein „Normalgewicht” haben, aber dennoch viszerales Fett – das gefährlichste Fett – aufweisen, das seinen Stoffwechsel beeinträchtigt. Eine frühzeitige Erkennung beugt schweren Krankheiten wie Diabetes, Arthrose oder Herzinsuffizienz vor. Bei Eurovet wenden wir außerdem den Muscle Condition Score (MCS) an, um zwischen Muskelabbau und Fettansammlung zu unterscheiden, was bei älteren Tieren von grundlegender Bedeutung ist.