
Die Geburt ist per Definition ein natürlicher physiologischer Vorgang, der durch komplexe hormonelle und neuromuskuläre Mechanismen reguliert wird. Dass sie natürlich ist, bedeutet jedoch nicht, dass sie immer einfach und risikofrei ist. Bei Hunden und Katzen sind jede Trächtigkeit und jede Geburt einzigartig: Die Rasse, das Alter, die bisherigen Fortpflanzungserfahrungen, die Größe des Wurfs und sogar das Temperament des Tieres spielen eine Rolle.
Aus wissenschaftlicher Sicht ist bekannt, dass die durchschnittliche Trächtigkeitsdauer bei Hunden etwa 63 Tage ab dem Eisprung und bei Katzen zwischen 63 und 65 Tagen beträgt, aber diese Zahlen können um mehrere Tage variieren, ohne dass eine Pathologie vorliegt. Tatsächlich ist eines der zuverlässigsten Anzeichen für den Beginn der Geburt nicht der Kalender, sondern die Physiologie: Bei vielen Hündinnen ist 12 bis 24 Stunden vor der Geburt ein plötzlicher Abfall der Körpertemperatur auf Werte um 37 °C zu beobachten, eine direkte Folge des vorgeburtlichen Progesteronabfalls. Die Messung der Rektaltemperatur in den letzten Tagen der Trächtigkeit kann dem Tierhalter einen objektiven und beruhigenden Anhaltspunkt liefern.
Das Verständnis des Ablaufs einer normalen Geburt ermöglicht eine ausgewogene Haltung: weder unnötig einzugreifen noch angesichts einer anomalen Situation passiv zu bleiben. In der Praxis bedeutet dies, im Voraus eine ruhige Umgebung, eine bequeme Wurfkiste und sauberes Material vorzubereiten sowie einen klaren Aktionsplan für den Fall von Zweifeln zu haben. Diese Vorausplanung ist nicht übertrieben: Klinische Studien zeigen, dass bis zu 28 % der Geburten bei Hunden mit einer gewissen Dystokie einhergehen können, wobei die häufigste Ursache eine primäre Uterusinertie ist, d. h. unzureichende Kontraktionen, um die Welpen auszutreiben.
Aus medizinischer Sicht lässt sich die Geburt in drei klar voneinander abgegrenzte Phasen unterteilen, die jeweils charakteristische klinische Symptome aufweisen. Wenn man diese kennt, kann man die Vorgänge richtig interpretieren und Entscheidungen auf der Grundlage objektiver Kriterien treffen.
Die erste Phase entspricht der Erweiterung des Gebärmutterhalses und der Vorbereitung des Geburtskanals. Sie dauert in der Regel zwischen 6 und 12 Stunden, kann sich jedoch bei Erstgebärenden ohne pathologische Ursachen auf bis zu 24 Stunden verlängern.
Während dieser Zeit kommt es zu Gebärmutterkontraktionen, die äußerlich noch kaum sichtbar sind, aber die Mutter zeigt in der Regel Unruhe, Hecheln, leichtes Zittern, Lautäußerungen und sucht Isolation. Diese Verhaltensweisen werden durch die Wirkung von Oxytocin und Prostaglandinen vermittelt. Wenn man der Hündin die Wahl ihres Geburtsortes überlässt, äußere Reize reduziert und unnötige Manipulationen vermeidet, fördert dies einen angemessenen physiologischen Verlauf, da Stress den Cortisolspiegel erhöht, ein Hormon, das den Geburtsfortschritt bremsen kann.
Die zweite Phase beginnt mit sichtbaren und aktiven Bauchkontraktionen, die mit der Geburt der Jungtiere enden. Unter normalen Bedingungen sollte jedes Jungtier oder Kätzchen in einem Abstand von etwa 15 bis 60 Minuten geboren werden.
Bei einer längeren Geburt kann sich das Gewebe des Geburtskanals entzünden und an Elastizität verlieren. Diese Gewebeermüdung verringert die Wirksamkeit jeder Wehe und erhöht die Reibung, was selbst bei richtig positionierten Föten zu Staus führen kann. Dies ist einer der Gründe, warum Zeit in der Geburtshilfe ein kritischer Faktor ist.
Hier ist eine aufmerksame Beobachtung entscheidend. Studien zur Neugeborenensterblichkeit haben gezeigt, dass bei einem Abstand zwischen zwei Geburten von mehr als 60–65 Minuten das Risiko für eine fetale oder neonatale Sterblichkeit aufgrund von fetaler Hypoxie, einem Sauerstoffmangel aufgrund langwieriger oder ineffektiver Wehen, deutlich steigt. Daher ist das mentale oder schriftliche Notieren der Uhrzeit jeder Geburt keine Nebensächlichkeit, sondern ein einfaches klinisches Hilfsmittel, das bei der Entscheidung hilft, wann ein Eingriff sinnvoll ist.
Während dieser Phase brechen die meisten Mütter spontan die Fruchtblase und regen die Atmung des Neugeborenen durch Lecken an. Nur wenn dies nicht geschieht, kann es notwendig sein, das Neugeborene vorsichtig mit einem sauberen Handtuch abzutrocknen. Es ist niemals ratsam, ein Jungtier gewaltsam herauszuziehen: Ein festsitzendes Jungtier kann auf eine obstruktive Dystokie hinweisen, und eine unsachgemäße Handhabung kann zu schweren Verletzungen führen.
Aus wissenschaftlicher Sicht wurde außerdem beobachtet, dass längere oder schwierige Geburten mit Verhaltensänderungen der Mutter in den ersten 72 Stunden nach der Geburt einhergehen, mit weniger Aufmerksamkeit für die Jungtiere und schlechterer Stimulation des Stillens, was sich indirekt auf deren Überleben auswirken kann.
Die dritte Phase entspricht der Ausstoßung der Plazenta oder der fetalen Anhängsel, die nach jeder Geburt oder am Ende der Geburt ausgeschieden werden können. Beide Situationen gelten als normal.
Obwohl das Fressen der Plazenta ein instinktives Verhalten ist, muss es nicht immer erlaubt werden. Übermäßiger Verzehr kann zu Verdauungsstörungen führen. Es ist sinnvoll, eine ungefähre Anzahl der ausgestoßenen Plazenten zu zählen, da eine Plazentarückstände das Risiko für postpartale Gebärmutterinfektionen erhöhen.
Obwohl viele Geburten ohne Komplikationen verlaufen, zeigen die Zahlen, dass geburtshilfliche Probleme keine Ausnahme sind. Bei Hunden betrifft Dystokie schätzungsweise etwa 5–28 % der Geburten, je nach Rasse und untersuchter Population. Bei reinrassigen Katzen ist die Häufigkeit noch auffälliger: Zwischen 10 und 15 % benötigen tierärztliche Hilfe, und etwa jeder zehnte Wurf endet mit einem Kaiserschnitt, insbesondere bei Rassen mit besonderer Körperform.
Ein deutlicher Grund für einen Notfall ist das Auftreten intensiver Wehen über mehr als 30 Minuten ohne Geburt oder Intervalle von mehr als zwei Stunden zwischen den Würfen, wenn die Presswehen anhalten. Das Auftreten eines dunkelgrünen Ausflusses ohne sofortige Geburt kann auf eine Plazentaablösung und eine ernsthafte Gefahr für die Föten hinweisen.
Medizinische Information · Sekundäre Uterusinertie tritt häufiger auf als angenommen
Viele Tierhalter kennen die primäre Uterusinertie (schwache Wehen von Beginn an), aber in der klinischen Praxis kommt es sehr häufig zur sekundären Uterusinertie, bei der die Geburt normal beginnt und die Wehen nach mehreren Geburten nachlassen. Dieses Phänomen erklärt, warum manche Geburten „gut verliefen” und plötzlich blockieren.
In diesen Fällen zeigt die klinische Erfahrung, dass viele Komplikationen nicht durch die ursprüngliche Erkrankung verschlimmert werden, sondern durch die Verzögerung bei der Entscheidungsfindung. Die rechtzeitige Vorbereitung des Transports, die klare Entscheidung für eine Klinik und schnelles Handeln können den Unterschied zwischen einem günstigen Ausgang und einem lebensbedrohlichen Notfall ausmachen. Klinische Studien kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass eine Verzögerung bei der Entscheidung für einen Kaiserschnitt die fetale Mortalität signifikant erhöht. Nicht die Operation selbst verschlechtert die Prognose, sondern die längere Dauer der Hypoxie und die vorherige Erschöpfung. Deshalb ist es in der Geburtshilfe selten neutral, „ein wenig länger zu warten”.
Eine gute Begleitung der Geburt beginnt lange vor der Entbindung. Die Vorbereitung einer ruhigen, warmen und sauberen Umgebung reduziert den Stress der Mutter und fördert die angemessene Ausschüttung von Oxytocin. Saubere Handtücher, Handschuhe und eine sanfte Wärmequelle für Neugeborene sorgen für Sicherheit, ohne übermäßige Eingriffe zu fördern.
Nicht alle Dystokien sind mechanischer Natur. Plötzliche Veränderungen der Umgebung, die Anwesenheit unbekannter Personen, laute Geräusche oder wiederholte Manipulationsversuche können eine reflexartige Hemmung der Oxytocinausschüttung verursachen und die Gebärmutterkontraktionen blockieren, obwohl anatomisch alles für die Geburt bereit ist.
Aus statistischer Sicht sollte auch berücksichtigt werden, dass sehr kleine Würfe (weniger als 5 Welpen) oder sehr große Würfe (mehr als 9 Welpen bei Hündinnen) mit einem höheren Risiko für Dystokie und Neugeborenensterblichkeit verbunden sind. Diese Extreme können die Wirksamkeit der Gebärmutterkontraktionen beeinträchtigen oder zu einer Erschöpfung der Mutter vor Abschluss der Geburt führen.
Die Telefonnummer des Tierarztes oder einer Notfallklinik griffbereit zu haben, ist kein Alarmsignal, sondern ein Zeichen von Verantwortung. In der tierärztlichen Geburtshilfe sind Vorausschau und Reaktionsfähigkeit ebenso wichtig wie Geduld.
Die Kenntnis des physiologischen Rhythmus der Geburt ermöglicht es, zwischen einem normalen Verlauf und einer Risikosituation zu unterscheiden. Eine kritische Beobachtung und die Heranziehung objektiver Daten helfen dabei, bessere Entscheidungen zu treffen. Viele Dystokien treten bei „ungeplanten” Geburten auf, oder besser gesagt, bei ungeplanten Schwangerschaften, bei denen weder das genaue Datum noch die Anzahl der Föten bekannt waren und keine Vorbereitungen getroffen wurden. Mangelnde Vorausschau ist ein indirekter, aber sehr realer Risikofaktor bei problematischen Geburten.
Ein einziges feststeckendes Jungtier oder eine nicht rechtzeitig erkannte Dystokie kann das Überleben des gesamten Wurfs und das Leben der Mutter gefährden. Die klinischen Beweise sind eindeutig: Vorausschauendes Handeln und frühzeitige Beratung retten Leben.
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